




REPORTAGE & INTERVIEW
Dr. Babajide Salako ist bei Fresenius Medical Care für die Krisenplanung bei Naturkatastrophen und Pandemien verantwortlich.
Es ist ein heißer Tag, und die feuchte Tropenluft liegt schwer und träge auf dem Rollfeld des Flughafens in Santo Domingo, der Hauptstadt der Dominikanischen Republik. Hier, keine 1.000 Kilometer entfernt von Miami in Florida, hat vor wenigen Tagen der Boden gebebt – und den karibischen Nachbarstaat Haiti in eine tiefe Tragödie gestürzt. Nun setzen in der flimmernden Mittagshitze Flugzeuge im Minutentakt auf der Landebahn auf. Statt der üblichen Touristen bringen sie Hilfsgüter aus aller Welt.
Die Lagerhallen des Flughafens platzen aus allen Nähten: überall Kisten und Container – und mittendrin die Helfer. Durch ein Gewirr von schwitzenden und hektisch umherlaufenden Menschen bahnt sich Dr. Babajide Salako seinen Weg. An seiner Seite ein Zollbeamter. Sie eilen von Lagerhaus zu Lagerhaus. Seit einiger Zeit wandern sie schon an den meterhohen Regalen entlang, studieren die Frachtaufkleber an Containern, schauen sich fragend an und schütteln immer wieder den Kopf.




Gestern war Salako hier gelandet, an Bord einer Maschine, die Dialysegeräte, Blutschlauchsysteme, Dialysatoren und Medikamente in die Krisenregion transportierte. Insgesamt rund zwölf Tonnen Dialysematerial, die er mit Hilfe mehrerer Mitarbeiter von Fresenius Medical Care in den USA binnen weniger Tage zusammengestellt hatte. Das Charterflugzeug für den Transport hatte er in Florida ausfindig gemacht, als die Medien bereits berichteten, es fehle an Flugzeugen für die vielen Hilfssendungen nach Haiti. Im Frachtraum war er dann mit nach Santo Domingo geflogen, um sicherzustellen, dass die gespendeten Hilfsgüter von Fresenius Medical Care die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ in Haiti auch tatsächlich erreichen. Und nun war diese Lieferung anscheinend spurlos verschwunden.
OHNMACHT UND HILFLOSIGKEIT Im Rückblick erscheint es fast vorherbestimmt, dass Babajide Salako die Krisenplanung bei Naturkatastrophen und Pandemien für Fresenius Medical Care verantwortet. Er ist mit solchen Krisen aufgewachsen.
In Nigeria, wo die Flüsse in der Umgebung seines Geburtsortes Ibadan regelmäßig ganze Dörfer überfluteten, erlebte er schon als Kind die Ohnmacht und Hilflosigkeit der Behörden. Dieses Chaos, so glaubt Salako, sei die Ursache seiner heutigen Leidenschaft für Planung. Schon als Teenager verfolgte er im Fernsehen Katastrophennachrichten aus aller Welt. Nicht aus Schaulust, sondern aus ernsthaftem Interesse daran, wie die Menschen mit ihnen umgehen. „Schon damals hatte ich den Eindruck, dass die Tragödie nicht nur in den Naturkatastrophen selbst lag, sondern auch in der unzureichenden Vorbereitung der Menschen darauf“, sagt Salako heute. Er arbeitet in einem Büro von Fresenius Medical Care in Washington, D.C. Salako spricht mit sehr leiser Stimme, fast gewollt unaufgeregt angesichts des aufregenden Themas. Dass in ihm dennoch eine gehörige Portion Unruhe steckt, sieht man an seinen Händen, die unentwegt zwischen Kaffeebecher und Smartphone hin und her wandern. Immer wieder steht er kurz auf, holt einen neuen Kaffee, ein Schriftstück oder entschuldigt sich, weil ein wichtiges Telefonat nicht warten kann.





WENIG ZEIT In seinem Washingtoner Büro saß Babajide Salako auch, als die Arbeitsgruppe für Katastrophenschutz der Internationalen Gesellschaft für Nephrologie im Januar 2010 bei Fresenius Medical Care offiziell um Hilfe für Haiti bat. Das Schicksal von Nierenkranken dringt bei großen Katastrophen selten an die Öffentlichkeit. In Fernsehbildern tauchen sie nicht auf. Im Vergleich zur Gesamtopferzahl handelt es sich meist um wenige Menschen, für die jedoch ist eine Situation wie nach dem Erdbeben in Haiti ähnlich lebensbedrohlich wie die Naturkatastrophe selbst. Darüber hinaus sind Überlebende einer solchen Katastrophe ganz allgemein gefährdet, ein akutes Nierenversagen zu erleiden – ausgelöst durch schwere Verletzungen. Auch sie sind dann dringend auf eine Dialysebehandlung angewiesen, um überleben zu können.
Das Leben von Dialysepatienten hängt an der Infrastruktur: an Kliniken mit funktionierenden Geräten, intakter Stromversorgung, medizinisch reinem Wasser und einsatzfähigem Personal. Sind diese Kliniken zerstört, können Dialysepatienten nicht Wochen oder gar Monate warten, bis die Schäden behoben sind. Sie brauchen in der Regel dreimal in der Woche eine Behandlung.
Fehlende Infrastruktur, mehr Patienten und sehr wenig Zeit bedeuten für Babajide Salako vor allem eins: Er muss in seinem Job sehr schnell handeln. Die zwei großen Bildschirme an der Wand des Konferenzraums im Washingtoner Büro sind seine Verbindung in die Welt. Per Videoschaltung vermittelte ihm damals auch ein Mitarbeiter der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen einen Eindruck von der Lage in Haiti. Salako besprach und koordinierte die anstehenden Aktivitäten mit Mitarbeitern und Führungskräften von Fresenius Medical Care in den USA. Alle wussten, was in so einer Situation zu tun ist: wo im Notfall Maschinen, Medikamente und Dialysezubehör zu besorgen sind; was gebraucht wird; wo es hingebracht werden muss. Wie er selbst dann noch ein Flugzeug chartern konnte, als viele Regierungen und Hilfsorganisationen den Mangel an Frachtfliegern beklagten, bleibt das Geheimnis von Babajide Salako.
IMMER BETROFFEN Für das Jahr 2010 zählte ein großes Rückversicherungsunternehmen 950 Naturkatastrophen. 295.000 Menschen verloren dabei ihr Leben, die wirtschaftlichen Schäden summierten sich auf geschätzte 137 MRD US $. Es ist die verheerendste Bilanz innerhalb der zurückliegenden 25 Jahre. „Wir sind von jeder dieser Katastrophen irgendwo und irgendwie betroffen“, entgegnet Salako fast lapidar auf die Frage, warum ein funktionierendes Krisenmanagement so wichtig für den Konzern ist. „Fresenius Medical Care ist ein internationales Unternehmen mit mehr als 73.000 Mitarbeitern und noch mehr Patienten überall auf dem Globus verteilt“, sagt Salako. Grippeviren, Überschwemmungen, Erdbeben, Wirbelstürme oder Waldbrände – dies alles betrifft auch immer mindestens eine Dialyseklinik, deren Mitarbeiter und Patienten, an irgendeinem Ort dieser Welt.