DIE OST-WEST-VERBINDUNG

Das vielleicht wichtigste Drehkreuz für den Transfer von Wissen und Erfahrung in Osteuropa ist für Fresenius Medical Care die Medizinische Akademie für Postgraduierten-Studien in St. Petersburg. Eine ehrwürdige Einrichtung, die noch auf Geheiß des Zaren im 19. Jahrhundert gegründet wurde. Heute spiegelt sich in der dazugehörigen Klinik auf dem abgenutzten Linoleum das flackernde Licht alter Neonröhren. Krankenschwestern, Patienten und Besucher eilen durch die labyrinthischen Flure. Wie aus einer anderen Welt schreitet auf einmal würdevoll ein Priester aus einem Zimmer heraus auf den Flur. Das Goldgespinst auf seiner schweren Brokatschleppe trägt einen fast mystischen Schimmer. „Amen – und Gott segne Sie“, murmelt er in einem russischen Singsang. Der alte Mann mit dem weißen Rauschebart erteilt den Menschen auf dem Flur mit geweihtem Wasser seinen Segen, begleitet von seinem fortwährenden Gemurmel. Die Luft ist erfüllt von Weihrauch, die Welt scheint für einen Augenblick still zu stehen. Die Menschen halten inne, bekreuzigen sich, einige knien nieder, nehmen den Segen in Empfang und ziehen dann weiter, mit Röntgenbildern unter dem Arm oder Krankenbetten, die sie vor sich her schieben. Alte Mütterchen mit krummem Rücken sieht man gewaltige Kochtöpfe schleppen. Der Duft frischer Piroggen, des russischen Nationalgerichts, vertreibt den Weihrauch für einige Zeit, dann riecht es wieder einfach nur nach Krankenhaus.

Alexei Waganow-Panikarowski kennt diese Flure, die Schwestern, die Ärzte – und auch den Priester der Klinik. Er arbeitet für Fresenius Medical Care im Vertrieb. „In meinem Job ist das Krankenhaus der wichtigste Ort, denn es sind die behandelnden Ärzte, die von der Qualität unserer Produkte überzeugt sein müssen“, weiß Waganow-Panikarowski. Er hat Medizin und Psychiatrie studiert und findet sich in den Fluren aller Krankenhäuser der Stadt und im Umland zurecht. „Chefärzte sind hoch respektiert in Russland“, erklärt er. Umso wichtiger ist es, dass Waganow-Panikarowski zuallererst als Mensch überzeugt. „Ein Arzt wird mich in sein Büro bitten, und wir werden zunächst ausgiebig über das Wetter reden und unsere Familien – und wenn der eine den anderen kennengelernt hat und besser einschätzen kann, dann reden wir auch über Geschäftliches“, verrät er.

Ein enger Fahrstuhl ruckelt in die Höhe. Alexei Waganow-Panikarowski lehnt an der Rückwand, neben ihm schauen schwarze Druckknöpfe aus einer schiefen Armatur, eine kleine Leuchte spendet fahles Licht. Die Fahrstuhltür öffnet sich im obersten Stockwerk. Alexei Waganow-Panikarowski weist den Weg, einen Flur unter einer Dachschräge entlang. Er stoppt vor einer weißen Holztür, drückt sachte die Klinke nach unten und schiebt seinen Kopf in den Raum. In einem Hörsaal sitzen Mediziner mit weißen Kitteln. Sie lauschen einem Mann, der mit großer Lebendigkeit zu seinem Publikum spricht. Professor Konstantin Gurewitsch ist einer der führenden Dialyseexperten in Russland und dort auch medizinischer Direktor von Fresenius Medical Care. Er bedeutet uns, noch fünf Minuten zu warten und schon mal in seinem Büro Platz zu nehmen.

Professor Konstantin Gurewitsch ist ein herzlicher Mensch. Besuch, ob von Kollegen oder Studenten, empfängt er mit dem gleichen warmen Lächeln. Seinen weißen Kittel trägt er stolz wie eine Paradeuniform. Darunter sind Anzug und Schlips akkurat ausgerichtet. Der Mediziner gestaltet den Erfolg von Fresenius Medical Care in Russland seit vielen Jahren mit. Früher, als praktizierender Arzt, setzte er sich dafür ein, dass an den Krankenhäusern in seinem Verantwortungsbereich mit den hochwertigen Geräten von Fresenius Medical Care gearbeitet werden konnte. Mittlerweile sorgt er vor allem dafür, dass die Mitarbeiter von Fresenius Medical Care in Russland und in anderen Ländern Osteuropas auch Zugang zur Erfahrung und dem Wissen des Unternehmens erhalten. An der Medizinischen Akademie für Postgraduierten-Studien sowie in den Krankenhäusern unter ihrer Leitung verantwortet Gurewitsch das Fachgebiet Nephrologie. Er leitet die Fortbildungen von Ärzten und Krankenschwestern aus allen Teilen Russlands. Auch aus den ehemaligen Sowjetrepubliken kommen Mediziner, um ihr Wissen auf den Gebieten Dialyse und Nephrologie auf den neuesten Stand zu bringen. Einige seiner Vorlesungen sind öffentlich, einige aber auch Mitarbeitern von Fresenius Medical Care vorbehalten.

Vertrauen

Professor Gurewitsch platziert weißes Porzellangeschirr mit roten Blumenornamenten auf seinem Schreibtisch. Es gibt Tee und reichlich Konfekt, dessen Verpackungen allesamt Grüße von Kollegen, Patienten und Studenten tragen. In seinem Bücherschrank steht ein altes gerahmtes Foto. Es zeigt Gurewitsch als Medizinstudent bei einer Operation. „Der Mann neben mir war damals einer der berühmtesten Chirurgen Russlands“, sagt der Mediziner mit einem Lächeln. Gurewitsch kennt mittlerweile fast alle berühmten Ärzte Russlands und der angrenzenden Republiken.

Hier in St. Petersburg schult Gurewitsch alle Ärzte und Krankenschwestern, die bei Fresenius Medical Care arbeiten. „Mein Ziel ist, dass eine Dialyseschwester in Uljanowsk von derselben Erfahrung profitieren kann und das gleiche Wissen vermittelt bekommt wie jemand, der in Berlin oder New York arbeitet“, erklärt Gurewitsch. Von seinem Büro in St. Petersburg aus betreut der Nephrologe sämtliche Dialysekliniken von Fresenius Medical Care in Russland – und von hier aus hat er Zugriff auf die klinischen Behandlungsdaten aus allen Zentren. Jeden Dienstag hält er eine Telefonkonferenz ab, zu der sich alle Kliniken des Unternehmens im Land zuschalten können. Dann werden die medizinischen Ergebnisse der Kliniken besprochen, und bei besonders schwierigen medizinischen Fällen wird auch diskutiert, wie die Behandlung bestmöglich auf die betroffenen Patienten zugeschnitten werden kann. „Letztlich bin ich bei Fragen aber für jeden unserer Mitarbeiter da, jeden Tag, immer“, sagt Gurewitsch bestimmt und zugleich väterlich.

Wissen

Regelmäßig macht er sich auch selbst auf den Weg durch Klima- und Zeitzonen in die entlegenen Winkel des riesigen Landes, um einen Eindruck vor Ort zu gewinnen. Er bewältigt dieses Pensum seit vielen Jahren. Als junger Arzt war er im Krieg in Afghanistan, auch in Vietnam. „Ich habe viel erlebt“, sagt Gurewitsch, und man kann nur ahnen, was sich hinter dieser Aussage alles verbirgt. Vielleicht sprüht der Mann gerade deshalb vor Lebenslust und Tatendrang. Ein großes Ziel hat er noch vor Augen: eine eigene Ausbildungseinrichtung, eine Akademie für die Mitarbeiter aller Kliniken von Fresenius Medical Care in Russland. Bislang ist das Unternehmen auf die staatlichen Zertifikate der St. Petersburger Akademie angewiesen; Gurewitsch arbeitet daran, dass eine künftige Fresenius Medical Care-Akademie diese staatliche Zertifizierung auch erhält. „Dann könnten wir unsere Erfahrung in ganz anderem Umfang als bislang weitergeben“, glaubt Gurewitsch. Er hofft, dass er diese Akademie spätestens 2012 eröffnen kann.

Für Geschäftsführer Dr. Alexei Mjagkow sind diese Bemühungen um die Aus- und Weiterbildung der russischen Mitarbeiter sehr wichtig. „Es ändert sich so viel in unserem Land, die fachlichen Anforderungen sind andere als noch vor einigen Jahren. Wir brauchen Mitarbeiter, die diesen Ansprüchen auch gerecht werden“, sagt Mjagkow. Wer eine Philosophie verbreiten will, muss die Mitarbeiter diese auch erfahren lassen. Deshalb besuchen nahezu alle Angestellten von Fresenius Medical Care in Russland einmal den Hauptsitz des Mutterkonzerns in Bad Homburg. Führungskräfte wie Dr. Mjagkow oder Professor Gurewitsch kommen regelmäßig zu einer jährlichen Konferenz dorthin. Dann haben deutsche Kollegen wie Christina Winter viel Gelegenheit, mit ihnen ausgiebig Russisch zu sprechen.

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