Reportage & Interview

Wie schafft es ein Dialyseunternehmen mit Sitz in Deutschland, in Russland erfolgreich zu sein – einem Markt, der so groß ist, dass er elf Zeitzonen umfasst, und in dem die Rahmenbedingungen von Region zu Region zum Teil völlig unterschiedlich sind? Für Fresenius Medical Care ist die Antwort klar: mit Pioniergeist, einem langfristigen Engagement, interkultureller Kompetenz und der Überzeugung, dass kaum eine Investition lohnender ist als der Transfer von Wissen.

Als Dr. Alexei Mjagkow zu Beginn der 1980er Jahre in Moskau Medizin studierte, galt eine gewisse „SGD-8“ als Berühmtheit in der sowjetischen Dialyse. Um genau zu sein, war sie eher berühmt-berüchtigt. Dr. Mjagkow lächelt ein wenig bitter, als er den Namen heute, drei Jahrzehnte später, wieder ausspricht. „Hinter diesem Kürzel verbirgt sich nicht etwa ein Codename oder ein Geheimagent à la 007“, erklärt er, „sondern eine Dialysemaschine sowjetischer Bauart.“ Der Mediziner beschreibt das Gerät als „zum Verzweifeln robust“. Es funktionierte nicht gut, aber ausdauernd. Es ging einfach nicht kaputt. Doch den staatlichen Behörden fehlte das Geld für neue, bessere Dialysemaschinen. „Die alten Geräte laufen doch noch“, hieß es stets aus der Verwaltung.

Pioniere

Alexei Mjagkow erzählt diese Anekdote mit einem leichten Kopfschütteln. Er erlebte die Perestroika, einen Putschversuch, den Zerfall einer einstigen Weltmacht, Kriege und wahnwitzige Inflationen. An einigen, freilich weitaus kleineren Kapiteln der russischen Geschichte schrieb er selbst mit: 1988 initiierte er als damaliger Leiter der Dialyseabteilung im städtischen Krankenhaus Nr. 7 in Moskau den ersten Staatsauftrag der UdSSR für Fresenius Medical Care. Vereinbart wurde die Lieferung von einigen Dutzend Geräten. Endlich Ersatz für die eiserne SGD-8 – noch ein paar Jahre zuvor wäre das undenkbar gewesen. Doch das alles liegt weit zurück. Heute ist der Mediziner Geschäftsführer der russischen Tochtergesellschaft von Fresenius Medical Care mit Sitz in Moskau. Er sitzt in einem Besprechungszimmer der Niederlassung. Seine Schläfen sind über die Jahre leicht ergraut, aber die blauen Augen leuchten noch immer jugendlich. Vor ihm, auf einem Konferenztisch, liegen ein Smartphone und ein schickes iPad – fast als wären sie Zeugnisse dafür, wie sehr sich die Zeiten seit der SGD-8 geändert haben.

Fresenius Medical Care war eines der ersten ausländischen Unternehmen, die in Russland schon zu Zeiten der Sowjetunion ein Joint Venture gründeten: 1990, zusammen mit einem Moskauer Krankenhaus. „Wir waren damals wirkliche Pioniere“, sagt Mjagkow heute mit einem gewissen Stolz. Mittlerweile hält Fresenius Medical Care alle Anteile an dem Tochterunternehmen – das bei Dialyseprodukten Marktführer in Russland ist. Der Pioniergeist hat seit damals keine Pause gemacht. „In den zurückliegenden Jahren haben sich die russische Gesellschaft und Ökonomie schon wieder grundlegend verändert“, sagt Mjagkow. „Noch vor fünf Jahren war es schier undenkbar, eine privatwirtschaftliche Dialyseklinik in Russland zu eröffnen.“  siehe dazu das Interview mit Dominik Wehner. Heute betreibt Fresenius Medical Care bereits zehn eigene Kliniken und behandelt dort mehr als 2.000 Patienten. Seit 2008 verfügt das Unternehmen außerdem über einen eigenen Produktionsstandort in Russland. In Ischewsk, der Hauptstadt der Republik Udmurtien rund 1.100 Kilometer östlich von Moskau gelegen, werden Peritonealdialyselösungen für den russischen Markt hergestellt.

„Der russische Markt“ – ein fast zu bescheidener Begriff angesichts der Dimensionen: Russland erstreckt sich von West nach Ost über elf Zeitzonen und 9.000 Kilometer. Das Land drängt in einem rasenden Tempo Richtung Zukunft – und ist zugleich in weiten Teilen nicht einmal in der modernen Gegenwart angekommen. In Moskau steigen die alten Väterchen und Mütterchen in klapprige Trolleybusse, die sich im Stau meterweise vorwärtskämpfen, während auf dem Mittelstreifen schwarze Limousinen mit Blaulicht vorbeirauschen.

Die russische Niederlassung von Fresenius Medical Care liegt etwas außerhalb des Zentrums und der Staus. Über dem Eingang des Geschäftsgebäudes steht der Schriftzug des Unternehmens sowohl in lateinischer als auch in kyrillischer Schrift. Dr. Alexei Mjagkow arbeitet hier seit 20 Jahren. Das Unternehmen wuchs und investierte, auch in Zeiten wirtschaftlicher Krisen und politischer Instabilität. Personal wurde nie entlassen; stattdessen erschloss man neue Märkte und expandierte. „Wir konnten unsere Marktanteile in der Vergangenheit stetig ausbauen. Auch für unseren Ruf in der russischen Gesellschaft war diese langfristige Investition in den Standort gut“, sagt Mjagkow heute. „Sie hat Vertrauen geschaffen.“

Sein Geschäft in Russland hat Fresenius Medical Care in den drei zurückliegenden Jahrzehnten sukzessive erweitert – vom reinen Gerätevertrieb zum Klinikbetreiber und Produzenten. In Uljanowsk, 700 Kilometer östlich von Moskau, entstand 2008 der erste Klinikneubau für rund 330 Patienten. Im gleichen Jahr nahm der russische Produktionsstandort in Ischewsk den Betrieb auf. Die damals veranschlagte Herstellungsmenge von 600.000 Beuteln Lösung für die Peritonealdialyse wurde 2010 bereits auf 900.000 erhöht. In Zukunft soll die Kapazität auf mehr als drei Millionen Einheiten pro Jahr ausgebaut werden.

Hinter solchen Erfolgsmeldungen stand anfangs oft so manche Herausforderung. „Ein Problem sind die meist knappen öffentlichen Gesundheitshaushalte“, sagt Mjagkow. Das ist heute nicht anders als schon zu Zeiten der berühmt-berüchtigten SGD-8 und hier nicht anders als in vielen anderen Ländern der Erde. „Die Ärzte und Politiker wollen unsere Produkte und Kliniken, weil die für ihre gute Qualität bekannt sind“, sagt Mjagkow. „Die Frage ist aber immer, welche Mittel die Klinikleitungen für den Einkauf von Produkten und die regionalen Verwaltungen für die Vergütung der Dialysedienstleistungen in unseren Kliniken zur Verfügung haben.“ Eine Frage, die umso schwieriger zu beantworten ist, als Entwicklung und Ausstattung der Verwaltung und Sozialsysteme in den verschiedenen Regionen Russlands noch immer beträchtlich variieren. Zum Beispiel gibt es bislang keine einheitliche nationale Vergütungsregelung für die Dialyse. Und in einigen Provinzen stammen die Mittel aus der staatlichen Krankenversicherung, andernorts wiederum aus einem föderalen Steuertopf. „Wir passen unser Geschäftsmodell daher immer den Bedingungen vor Ort an“, erklärt Mjagkow.

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