02.3
Nichtfinanzielle Leistungsindikatoren
ERWEITERUNG DES ANGEBOTSSPEKTRUMS UND RAHMENFAKTOREN
DIALYSEMEDIKAMENTE
Dialysemedikamente tragen ganz wesentlich zur horizontalen Erweiterung unseres Produktportfolios über das Angebot von Dialysedienstleistungen und -produkten hinaus bei; sie passen damit ideal zu unserer strategischen Ausrichtung. Die Medikamente, die üblicherweise bei der Behandlung von Dialysepatienten eingesetzt werden, sind unter anderem solche, die zur Korrektur der Blutarmut sowie zur Regulierung des Mineralhaushalts benötigt werden. Das Spektrum umfasst Erythropoesestimulierende Substanzen, Eisenpräparate, Phosphatbinder, Vitamin-D-Präparate und sogenannte Kalzimimetika.
Das Hormon Erythropoietin (EPO), das normalerweise von gesunden Nieren produziert wird, regt die Produktion von roten Blutkörperchen an. Da die Nieren von Dialysepatienten dieses endogene Hormon nicht mehr selbst produzieren können, wird EPO während der Dialysebehandlung verabreicht. Eine weitere Komponente bei der Behandlung von Blutarmut sind Eisenpräparate, die die Blutbildung bei Patienten mit verminderter Nierenfunktion anregen. Phosphatbinder verbessern die Knochenmineralisierung. Überschüssiges Phosphat, das mit der Nahrung aufgenommen wird, wird von gesunden Nieren ausgeschieden. Dieser Filterprozess kann bei Patienten mit chronischem Nierenversagen nur teilweise ersetzt werden. Ein zu hoher Phosphatgehalt im Blut kann zahlreiche Nebenwirkungen, wie Knochenerkrankungen, Beeinträchtigungen der Schilddrüse und Gefäßverkalkungen verursachen. Kalzimimetika wiederum werden bei einer Schilddrüsenüberfunktion verabreicht, die bei Dialysepatienten häufig auftritt. Darüber hinaus haben Kalzimimetika einen positiven Effekt auf den Kalziumhaushalt der Knochen. Auch Vitamin-D-Präparate sind für Dialysepatienten sehr wichtig: Der menschliche Körper benötigt Vitamin D für die Anlagerung des durch die Nahrung zugeführten Kalziums; bei gesunden Menschen wird das Vitamin in den Nieren weiterverarbeitet. Wenn die Nierenfunktion eingeschränkt ist, kann nicht genügend Vitamin D produziert werden, um ein hinreichendes Kalziumdepot aufzubauen.
Im Juli 2008 hat Fresenius Medical Care zwei separate und unabhängige Lizenz- und Vertriebsvereinbarungen abgeschlossen, eine für die USA und eine für ausgewählte Länder in Europa und im Mittleren Osten. Die Vereinbarungen betreffen die Vermarktung und den Vertrieb der Eisenpräparate Venofer und Ferinject der Gesellschaft Galenica Ltd. und ihrer Lizenzpartner. Beide Medikamente werden zur Behandlung von Blutarmut infolge von Eisenmangel bei Dialysepatienten eingesetzt. Venofer ist das weltweit führende intravenös zu verabreichende Eisenprodukt. Weitere Informationen finden Sie im Abschnitt „Für den Geschäftsverlauf wesentliche Ereignisse“.
Das für uns relevante Marktvolumen von Eisenpräparaten in den weltweit wichtigsten Märkten betrug im vergangenen Jahr rund 800 Millionen US-Dollar. Durch den Abschluss der Kooperationen sehen wir uns auf einem guten Weg, im Bereich Dialysemedikamente das Umsatzziel für 2010 von insgesamt 400 Millionen US-Dollar (ohne Erythropoietin) zu erreichen. Als Teil unserer Wachstumsstrategie werden wir unseren Ansatz der horizontalen Erweiterung unseres Produktportfolios weiterverfolgen und die Verwendung von Dialysemedikamenten noch stärker in unser traditionelles Angebotsspektrum, das von Dialysemaschinen bis zu Labordienstleistungen reicht, integrieren.
HEIMDIALYSE
Die beiden Therapieformen der Heimdialyse sind die Peritonealdialyse (Bauchfelldialyse) und die Heim-Hämodialyse. Insgesamt wurden im Berichtsjahr rund 11 % aller Dialysepatienten weltweit mittels der Peritonealdialyse versorgt. Die Heim-Hämodialyse war in den vergangenen Jahren ein Nischenmarkt – nur etwa 0,5 % aller Patienten wurden Ende 2008 auf diese Weise behandelt.
Insgesamt haben wir zum Ende des Berichtsjahres mehr als 35.000 Peritonealdialyse-Patienten und ungefähr 3.500 Heim-Hämodialyse-Patienten versorgt. Wir sind damit der weltweit größte Anbieter im Bereich der Heim-Hämodialyse; ca. 40 % aller Heim-Hämodialyse- Patienten erhalten ihre Dialysemaschinen und Dialysatoren von uns.
Wir gehen allerdings weiterhin davon aus, dass der Bedarf an Heimdialyse deutlich steigen wird; weiter wachsende Patientenzahlen und der steigende Kostendruck werden dazu beitragen. Dabei könnte auch die Heim- Hämodialyse künftig an Bedeutung gewinnen und der Marktanteil - bei zunehmender Verfügbarkeit adäquater Therapieoptionen - in den nächsten zehn Jahren allein in Nordamerika auf etwa 4 % steigen.
Fresenius Medical Care ist bestens darauf vorbereitet, an dieser Entwicklung teilzuhaben: Mit der Übernahme des US-amerikanischen Unternehmens Renal Solutions, Inc. (RSI) haben wir eine wichtige Technologie für den Ausbau der Heim-Hämodialyse erworben, die SORB-Technologie. Mit ihr lässt sich Leitungswasser für die Dialyse aufbereiten und die Dialyseflüssigkeit wiederverwenden (siehe Abschnitt „Forschung und Entwicklung“).
Mit dem Continuum-Programm, das wir 2004 gestartet haben, wollen wir die Attraktivität unserer Angebotspalette für die Heimdialyse weiter steigern. Wir unterstützen unsere Patienten mit exzellenten Produkten und umfassenden Trainingsprogrammen, um die Dialyse im heimischen Umfeld einfacher und gleichzeitig sicherer zu gestalten. Continuum ist ein ganzheitliches Programm: Künftig sollen sich Patienten nicht mehr ausschließlich zwischen Hämodialyse oder Peritonealdialyse entscheiden müssen, sondern sie haben zunächst die Möglichkeit zu wählen, ob sie in einer Klinik oder zu Hause dialysiert werden möchten.
Die Heimdialyse ermöglicht den Patienten eine flexiblere Zeiteinteilung, sie verlangt aber auch mehr Eigenverantwortung. Aufgrund dessen ist diese Therapieform nicht für alle Patienten geeignet. Wir wollen Ärzte, Pflegepersonal und Entscheider in den Gesundheitssystemen, vor allem aber auch Patienten, aufklären und überzeugen, dass die Heimdialyse eine sichere, gut in den Alltag zu integrierende und kostengünstige Behandlungsoption für chronisch Nierenkranke ist, die nicht unter weiteren schweren Krankheiten leiden. Die langjährige Erfahrung sowie die hochwertigen und sicheren Produkte von Fresenius Medical Care sind hierbei überzeugende Argumente.
LABORDIENSTLEISTUNGEN
Labordienstleistungen ergänzen das Dienstleistungsportfolio von Fresenius Medical Care, da Nierenfachärzte auf umfangreiche Labortests angewiesen sind, um die Therapie individuell auf jeden Patienten abstimmen zu können. Die Qualität der Testergebnisse trägt wesentlich zur Behandlungs- und damit zur Lebensqualität der Patienten bei. Im Geschäftsjahr 2008 hat unsere Tochtergesellschaft Spectra Laboratories in den USA fast 52 Millionen Labordienstleistungen für circa 154.000 Patienten erbracht – eine Steigerung um rund 3 % (2007: rund 150.000 Patienten ).
Im vergangenen Jahr hat Spectra Laboratories in Informationstechnologie investiert, um noch flexibler und effizienter arbeiten zu können. Darüber hinaus wurden umweltspezifische Tests für Dialysekliniken in das Serviceportfolio aufgenommen, sodass unsere Kliniken nun ihre Wasserqualität jederzeit überprüfen können. Eine weitere neue Komponente des Leistungsangebots von Spectra Laboratories ist die Überprüfung von Produktproben aus unserer Produktion.
Spectra Laboratories orientiert sich in seiner Arbeit freiwillig an einer Reihe strenger regulatorischer Standards. Dies ist Teil des Leistungs- und Serviceversprechens an unsere Kunden. Zu diesen freiwilligen Standards gehören die Auflagen der Joint Commission on Accreditation of Healthcare Organizations (Gemeinsame Kommission US-amerikanischer Gesundheitsorganisationen) und des College of American Pathologists (Vereinigung der US-amerikanischen Pathologen ).
NEUE KOSTENERSTATTUNGSMODELLE
Die Vergütungssysteme für die Dialysebehandlung unterscheiden sich von Land zu Land, oft sogar innerhalb eines Landes. Daher wird das Geschäft von Fresenius Medical Care von staatlich festgelegten Erstattungssätzen und Vergütungssystemen beeinflusst. In den USA werden ab 2011 die Vergütungsstrukturen für Dialysedienstleistungen verändert. In Portugal ist dies bereits im Geschäftsjahr 2008 geschehen; hier wurde eine Pauschalvergütung eingeführt.
USA. Terminales Nierenversagen ist eine der wenigen chronischen Erkrankungen, deren Behandlung in den USA von der staatlichen Gesundheitsfürsorge erstattet wird. Die Versorgung von mehr als 80 % aller US-amerikanischen Dialysepatienten wird zumeist von Medicare und Medicaid finanziert, den beiden US-amerikanischen Gesundheitsfürsorgeprogrammen für die medizinische Versorgung von Senioren und einkommensschwachen Menschen ohne privaten Krankenversicherungsschutz. Änderungen in der Kostenerstattung oder in der Methodik der Kostenerstattung von Medicare und Medicaid haben daher eine besondere Bedeutung für unser nordamerikanisches Geschäft.
In den USA, unserem nach wie vor wichtigsten Absatzmarkt, wird zum 1. Januar 2011 ein neues, komplexes Erstattungssystem für die Dialysebehandlung bei staatlich versicherten Patienten (Medicare) eingeführt. Der entsprechende Gesetzentwurf wurde im Juli 2008 verabschiedet. Alle Produkte und Dienstleistungen, die gegenwärtig gemäß dem Basis-Erstattungssatz (der sogenannten Composite Rate) vergütet werden sowie bislang separat erstattete Leistungen wie die Verabreichung von bestimmten Medikamenten und die Durchführung von diagnostischen Labortests, werden künftig mit einem einzigen Pauschalbetrag erstattet. Der gebündelte Erstattungssatz wird an Merkmale der einzelnen Patienten, etwa Alter und Gewicht, angepasst. Angleichungen sind beispielsweise auch für Patienten vorgesehen, deren außergewöhnliche medizinisch notwendige Versorgung extrem hohe Kosten nach sich zieht. Ein weiteres besonderes Merkmal dieses neuen Erstattungssystems ist neben der Implementierung eines Inflationsausgleichs die Orientierung an bestimmten Qualitätsparametern. Beispielsweise wird für Dialysekliniken, die bestimmte Kriterien nicht erfüllen, der Erstattungssatz gekürzt. Qualitätsparameter betreffen unter anderem die Patientenzufriedenheit, die Steuerung des Hämoglobin-Gehalts des Blutes (Anämie-Management) und den Mineralstoffwechsel der Knochen. Bevor das neue Erstattungssystem in Kraft tritt, wird 2009 und 2010 der Basis-Erstattungssatz (composite rate) um jeweils 1 % erhöht.
PORTUGAL. In Portugal, wo Fresenius Medical Care etwa 4.200 Patienten in 34 Dialysezentren behandelt, haben sich das Gesundheitsministerium und die nationale Vereinigung der privat betriebenen Dialysezentren Anfang 2008 auf ein neues Vergütungsmodell für die ambulante Versorgung von Hämodialyse-Patienten geeinigt. Die neue Pauschalvergütung ist ein qualitätsorientierter Ansatz, bei dem nicht länger die Kosten einzelner Dialysedienstleistungen und -produkte erstattet, sondern diese zum Teil gebündelt werden. So sollen eine umfassendere Versorgung der Patienten, Qualitätsverbesserungen und eine Effizienzsteigerung des Gesundheitssystems im Bereich Dialyse erreicht werden. Bei dem neuen Modell deckt die fixe Vergütung pro Patient und Woche alle notwendigen Dienstleistungen und den Einsatz von Dialyseprodukten ab. Voraussetzung ist, dass bestimmte Behandlungsergebnisse erzielt und qualitative Parameter eingehalten werden. Fresenius Medical Care bringt aufgrund des eigenen hohen Qualitätsanspruchs und der bereits etablierten Methoden zur Überwachung von Therapieergebnissen beste Voraussetzungen mit, um diese Anforderungen zu erfüllen. Für Fresenius Medical Care bedeutet die Reform nicht nur, dass die Vergütungsrate mit den neu eingeschlossenen Leistungen um rund 50 % gestiegen ist, sondern sie eröffnet auch völlig neue Freiheitsgrade in der qualitätsorientierten Forschung und Entwicklung rund um das integrierte Produkt- und Dienstleistungsangebot für diesen Markt. Allerdings gehen mit den sich erschließenden Umsatzpotenzialen auch Forschungsaufwendungen einher.








